Auf schwankenden Planken im Meer des Neuen treiben

Akademie Musiktheater heute

 

Eigenprojekt der Deutsche Bank Stiftung

© Jörn Kipping

Gestern hatte Das Floß, die Abschlussproduktion der „Akademie Musiktheater heute“, seine faszinierend verwirrende und mitreißende Uraufführung in der opera stabile. Das Publikum ging, nach dieser absolut empfehlenswerten Aufführung, extrem gut unterhalten und auch nachdenklich – wenn nicht sogar ein wenig zur Selbstreflexion aufgefordert –, nachhause. Großen Dank und noch mehr Applaus an alle an dieser Produktion Beteiligten

Von Birgit Kleinfeld

Die opera stabile, kleine Schwester der Staatsoper Hamburg, ist von jeher Garant für ungewöhnliches, nah erlebtes Theater. Das liegt zu einem daran, dass es so gut wie nie eine Frontalbühne gibt. Sie befindet sich zumeist in der Mitte des bis zu 120 Zuschauer beherbergenden Raums. Bei Das Floß fehlt sie sogar ganz. Es gibt zwar zwei erhöhte Zuschauerreihen, mit insgesamt um die 30 Stühle. Ansonsten jedoch befinden sich die Sitzmöglichkeiten direkt in der Szene, bzw., auf dem Bühnenbild: Es wird auf Kisten, Stufen oder sogar einer Badewannen/Sarg-Kombi Platz genommen, aus der zu Beginn Dirigent Mark Johnston klettert und auch ansonsten werden Zuschauer hier aufgefordert, den Platz zu wechseln oder sich zu erheben, damit die Künstler an Requisiten kommen.

Auch dies erhöht das Gefühl von Intensität, Nähe und sich einlassen müssen. Nein, dürfen! Durch das Thema dieses Stückes wird Das Floß zu mehr als einer fragmentarisch erzählten Geschichte. Es ist auch mehr als eine musikalisch vielsprachige Revue, für deren hohe Qualität und Vielfältigkeit, die Komponisten Anastasija Kadiša, Alexander Chernyshkov und Andreas Eduardo Frank verantwortlich zeichnen.

Es behandelt Existenzängste, beschäftigt sich mit Gesellschaftsstrukturen. Da sind auf der einen Seite die sich allein überlassenen Schiffbrüchigen auf dem Floß der Medusa. (Gemälde von Théodore Géricault, um 1819). Hier spielt der Selbsterhaltungstrieb, der auch Kannibalismus nicht scheut, die Hauptrolle. Die Regisseure Aleksi Barrière und Franziska Kronfoth zeigen teilweise in Videonahaufnahmen, wie die Überlebenden sich voneinander bedienen. Und dann gibt es noch die utopische Piraten-Republik Libertalia des Schriftstellers Daniel Defoe. Hier soll absolute Demokratie geschaffen werden. Deren Regeln für die Herrschenden allerdings nicht gelten.

Kurz: Das Floß konfrontiert das Publikum auf intensive, aber nie aufdringliche Weise, mit Konflikten die entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenleben müssen. Ergo: mit dem Hier und Jetzt. Musikalisch bedienen sich Kadiša, Chernyshkov und Frank mystisch-ungewöhnlichen Klängen aus Orchesterüblichen Instrumenten wie Violine, Posaune, Flöte, Klarinette und Schlagwerk. Auch Akkordeon und einfache Plastikschläuche kommen zum Einsatz. Doch es gibt daneben auch Lieder, mit Volksliedcharakter zu Gitarrenbegleitung und ein Chanson, vorgetragen von der charismatischen Gina-Lisa Maiwald, die genau wie ihr isländischer Schauspielkollege Thorbjörn Björnsson, auf beruhigende Art beweist, das Schauspiel auch heute noch so viel mehr ist als das, was uns oft im TV präsentiert wird. Beide wechseln mühelos von einer Rolle in die andere. Björnsson liefert einmal kopfüber an einem Seil hängend, einmal mit einem Strick um den Hals, kurze Monologe ab, die unter die Haut gehen. Doch auch ihre jungen Sängerkollegen Soomin Lee, Karina Repova, Jóhann Kristinsson, sowie Julian Rohde aus dem Ensemble der Staatsoper Hamburg, stellen ihr gesangliches Können und ihre Spielfreude unter Beweis.

Allen voran Sopranistin Soomin Lee, die mit einem wunderschön melodischen Vocalizing mit beinahe hypnotischer Wirkung berührt. Dieses textlose Gesangsstück mutet an wie ein Duett zwischen Lee und dem „Tubawesen“. Akustisch ist dieses „Tubawesen“, gespielt von Frank, eine Kombination aus Tuba und Gummischläuchen, was für wehklagend anrührende Klänge sorgt. Optisch ist es eine riesige Krake, die vom Schnürboden aus, manuell bewegt wird.

Aber auch Karina Repova überzeugt mit warmen Mezzo, der neugierig macht, ihn auch auf der großen Bühne zu hören, wie auch durch ihre energische bis herzliche Ausstrahlung. Bariton Jóhann Kristinsson und Tenor Julian Rohde zeigen Stimm- und Zungenfertigkeit, wenn sie sich gegenseitig, oder mit den Kollegen, Dialoge in verschiedenen Sprachen liefern. Die wirklich herausragenden Leistungen aller an diesem Abend, werden abgerundet durch die ausnahmslos jungen Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter der Leitung von Mark Johnston.

Alles in allem ist Das Floß Theater, bei dem die Kunstfertigkeit der einzelnen künstlerischen Berufe aufs Intensivste gefordert ist. Es wird gerade den Darstellern auf der Spielfläche, egal ob Schauspieler, Sänger oder Musiker, dass Äußerste abverlangt. Dies gilt jedoch ebenso für Bühnenbildnerin Eunsung Yang, und vor allem Kostümbildnerin Lea Søvsø, die aus vermutlich sparsamen Budget viel Fantasie, ja sogar Glanzvolles, schafft. Unsere Gesellschaft ist genauso vielseitig, wie es die sprachlich-kulturelle Herkunft der Beteiligten ist. Bleibt zu wünschen, dass wir es schaffen, das Positive welches uns dieser Abend vermitteln möchte, mit ins wahre Leben hinübernehmen und das Negative und Beängstigende nicht zu verdrängen, aber doch zu bearbeiten.

Denn die bedeutendsten Botschaften an diesem Abend sind was Frau Repova auf ihre Kapitänsuniform geschrieben war: „Keine Angst ohne Hoffnung“. Und das, was am Ende dann, wenn alle sich nach eigenen Worten tief unter dem Meeresspiegel befinden, und von dort aus „das Meer brennen sehen“, entgegen leuchtet: „Keine Hoffnung ohne Angst“. Oder war es umgekehrt? Es gab so viel zu entdecken, zu hören, zu fühlen, zu sehen, dass ich in diesem Augenblick, die Richtigkeit der Reihenfolge nicht garantieren kann.
Doch wie dem auch sei, ist es stets das Beste, sich selbst ein Bild zu machen. Oder in diesem Fall, die Chance zu nutzen einmal anderes Theater zu erleben. Überwinden Sie die Angst vor Ungewöhnlichem, in der berechtigten Hoffnung überrascht und auf jeden Fall, auf die eine oder andere Weise, bereichert zu werden.

Erschienen am 5. Mai 2019 auf Das Opernmagazin.