Innenleben – Musiktheateraustellung
Uraufführung im Bockenheimer Depot
Flucht und Asyl – diese Begriffe spielen in der westlichen Erfahrungswelt eine marginale Rolle. Der Stipendiatenjahrgang 2008-2010 hat sich dieses Themenkomplexes angenommen und ihn musiktheatralisch aufgearbeitet
Was bedeutet es, illegal in einem Land zu leben? Und dann, nach einer Odyssee durch staatliche Institutionen, in die eigene Heimat zurückzukehren, in der man sich nicht mehr zu Hause fühlt?
Mit dem Thema des illegalen Aufenthalts setzten sich „Illegal 1, 2, 3“ auseinander. Die ersten beiden Teile hatten hierbei dokumentarischen Charakter und stellten zwei Stationen aus dem Leben des „Illegalen“ dar: Zunächst seinen Alltag in einer Wohnung, den Versuch der Konstruktion von Normalität und der Allgegenwärtigkeit von Angst. Im zweiten Teil fand ein Verhör über die Fakten seines Lebens statt. Im letzten Teil ist der „Illegale“ gestorben, Musiker und Zuschauer hörten der Beschreibung seines gewaltsamen Todes zu, nur eine Sängerin stellte sich gegen die allgemeine Verdrängung von Schuld. Inspiriert wurden „Illegal 1,2, 3“ von der Geschichte Marcus Omofumas, der bei seiner Abschiebung aus Österreich im Jahr 1999 von Polizisten mit Klebeband gefesselt wurde und dabei erstickte.
Illegal© Deutsche Bank Stiftung / Philipp Ottendörfer
Der Erfahrung der Rückkehr in die fremd gewordene Heimat versuchte die Komposition „Prolog“ nachzuspüren. Hier umkreiste der Gesang, basierend auf dem Text „Heimkehr“ von Franz Kafka, nur von Akkordeon begleitet, die Erwartungen und Befürchtungen, die der Heimkehrer in sich trägt. Parallel dazu verkörperten zwei Schauspieler diesen inneren Monolog und damit eine Art Reise durch widersprüchliche und unheimliche Gedanken.
In den Miniaturen „Outcry“, „Three Varnish“ und "Timeless Act“ - basierend auf dem Gedicht „First Dance“ des südafrikanischen Dichters und Freiheitskämpfers Keorapese Kgositsile – wurden der Konflikt zwischen Innen- und Außenwelt eines Illegalen, Flüchtlings und Heimatlosen thematisiert. In "Three Varnish" suchten sich seine emotionalen Zustände ihren eigenen Raum zur Entfaltung und wurden gleichzeiig ausgestellt. „Timeless Act“ brachte schließlich Wut und die Hoffnung auf eine mögliche Erleichterung zum Ausdruck.
„Three Varnish“© Deutsche Bank Stiftung / Philipp Ottendörfer
Der zermürbende Prozess der Anhörung eines Asylsuchenden war das Kernthema von „Interview“. Die gestellten Fragen basieren auf anonymisierten Anhörungsprotokollen des Bundesamtes. Singend wurden sie wieder und wieder vorgetragen und versinnbildlichten die Langatmigkeit des Verfahrens. In den formalisierten Arbeitsrythmen, Zeit- und Handlungsrastern gibt es keinen Raum für die emotionale Erschütterung des Befragten.
Interview© Deutsche Bank Stiftung / Philipp Ottendörfer
Von den Besuchern der Uraufführung wurde „Innenleben“ begeistert aufgenommen. Man war sich einig, dass die jungen Künstler eine besondere Musiktheaterproduktion entwickelt haben. Die Frankfurter Rundschau resümiert in ihrer Online-Ausgabe: „‚Innenleben‘ jedenfalls zeigt, was möglich wäre. Sehr präzise angeordnete, konzentrierte Situationen, denen wir uns aus einem frei wählbaren Blickwinkel stellen. Geschaffen von einem Kollektiv, das, wenn die Idee aufgeht, bald die Zukunft der Oper mit bestimmt. Das lässt hoffen.“
Weiterführende Links
- www.fr-online.de [mehr]